Psst...... nicht stören, ich denke

Ich kann es nicht glauben, ich bin nun tatsächlich schon über 72 Jahre alt. Und die Zeit läuft und läuft und läuft....... Die Zeit rinnt einem im Alter regelrecht durch die Finger!

 

Eine lange Zeit mit Höhen und Tiefen liegt hinter mir und jetzt gibt es keine Höhen mehr.
Dass ich rechts meinen Hut tief ins Gesicht gezogen hatte, lag  nicht an den Falten, oder am bereits ergrauten, schütteren Haar, nein, so lässt es sich über das "Gewesene" oder das "Kommende" besser nachdenken und eine "Gesichtserkennungs Software" hat dadurch auch keine Chance!

 

Meine Krankheit

1982 kam das nicht erwartete Ergebnis: Muskelschwund - unheilbar. Und das mit 32 Jahren. Nach fast drei Jahren mit unterschiedlichsten Fachärzten und katastrofalen Diagnosen wie Syfiliss, Kinderlähmung oder Leberzirrhose fand das FBI - Friedrich Baur Institut - die richtige Diagnose. Damals hieß es Spinale Muskelatrophie und heute spricht von MMN - multifokale motorische Neuropathie.

 

Obwohl ich zum damaligen Zeitpunkt sehr sportlich war, sogar beim Tsv 1860 München, Tsv Eching und anderen Vereinen aktiv war, bekam ich Muskelschwund. Ich konnte es einfach nicht glauben. Mir war gar nicht klar, was auf mich und meine Familie zu kam.

 

Meine Claudia brauchte sehr lange sich mit dem Schicksalsschlag auseinander zusetzen. Sie hatte große Angst. Die Kinder waren erst 12 bzw. 8 Jahre.

 

Ich nahm es eigentlich sehr gefasst auf. Auch dass bald der Rollstuhl mir drohen könnte schockierte mich nicht. Hatte ich doch die wirklich harten Internatsjahre, Scheidung der Eltern mit den üblichen Schlammschlachten und auch 4 Jahre Bundeswehr ohne größeren Schaden überstanden.

 

Ich habe früh gelernt, schon als kleiner Junge, das ich mir selbst helfen muß.

Das habe ich mein ganzes Leben lang beherzigt. Ich habe mich nie auf andere verlassen, immer treu dem Motto: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!

 

Und wie schaut es jetzt aus?

Beschießen.....

 

Ich kann ohne Hilfe nicht aufstehen, nicht frei stehen bleiben, nicht selbstständig gehen. Bewege mich sitzend vorwärts auf dem Rollator. Kann mich nicht anziehen, ausziehen, kann mir nichts zum Essen oder Trinken machen. Kann kein Besteck halten, nicht Nase bohren...

Für waschen oder duschen brauche ich immer einen Pfleger. Den Hintern kann ich mir auch nicht putzen, das übernimmt ein Dusch Wc. Auf Knopfdruck spült warmes Wasser den Po sauber und der anschließende Föhn trocknet den Wertesten.

 

Das Schlimmste aber ist, dass ich meine Frau nicht mehr habe, die mich immer liebevoll pflegte. Sie ist im Pflegeheim Pichlmayr mit Demenz. Diese teuflische Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass sie nicht mehr reden, essen kann. Sie erkennt niemand und wird nur noch flüssig ernährt. Und vegetiert vor sich hin.

Es ist grausam den geliebten Menschen so langsam sterben zu sehen.

Meinem ärgsten Feind wünsche ich diese Situation nicht.

 

Ich bin am Boden, bin ganz unten. Ganz unten..

 

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© Familie Claudia und Karl-Heinz Hartwagner